Die Sache mit dem Sitz

Bin ich jetzt eigentlich gerade? Sind meine Beine dort, wo sie hingehören? Wie fest sollen die Knie sein? Wo genau soll ich im Sattel sitzen? Wie gerade ist gerade? Was soll ich nochmal machen, wenn die Schulter des Pferdes vorgeht? Muss mein Bein weiter zurück? Sind meine Hände aufrecht genug? Welchen Sitzknochen soll ich jetzt nochmal belasten?

 

Alles Fragen, die mir so oder so ähnlich täglich im Unterricht gestellt werden.

Und jetzt erfahrt ihr meine zweitliebste Unterrichtsantwort (gleich nach: Es kommt drauf an): Fühl doch mal!

 

Reiten ist eigentlich total logisch - das macht es so leicht und schwierig zugleich.
Je mehr man versteht, was unter einem passiert, desto mehr kann man erfühlen. Je mehr man versteht und fühlt, desto mehr kann man reiten. Je mehr man fühlt und versteht, desto logischer werden die Hilfen. Und vor allem werden die Hilfen zu wirklichen Hilfestellungen für das Pferd und nicht nur zu immer gleiche  Maßnahmen, die auf das Pferd einprasseln.
Reiten bedeutet, dass der gesamte Körper in Bewegung ist und zwar von Pferd und Mensch. Sitzschulung ist somit unabhängig von der Reitweise und dem eigenen Anspruch, sie ist wichtiger Bestandteil um dem Pferd keinen Schaden zuzufügen und somit unabdingbar im liebevollen Umgang mit dem Partner Pferd. Gutes Reiten bedeutet eine feine Abstimmung von "sich um sich selbst kümmern" und "sich um das Pferd kümmern". Es lässt sich nicht losgelöst voneinander betrachten.


Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren intensiv mit der Anatomie und Biomechanik von Mensch und Pferd. Habe an diversen Seminaren und Fortbildungen teilgenommen, Vorlesungen und Vorträge gehört und unzählige Bücher gelesen. Ich bin ungefähr von Flensburg bis nach München gelaufen, während ich verschiedenste Personen (und deren unterschiedlichste Probleme, Ängste, Körperformen und Bewegungsgefühle) darin unterstützt habe zu fühlen, was unter ihnen passiert - was mit ihnen passiert. Ich liebe die Beschäftigung mit dem Thema Bewegungsapparat/Biomechanik. Ich finde es unglaublich spannend, welche Möglichkeiten unser Körper uns bietet, wenn wir ihn nur lassen. Ich sehe kleinste Ungereimtheiten im Bewegungsablauf, spüre ob mein Reitschüler noch atmet oder gerade seinen kleinen Zeh verspannt und liebe den Moment, wenn der Reiter plötzlich etwas wahrnimmt, etwas versteht, was er vorher so noch nicht erfahren hat. Schon häufiger haben Leute zu mir gesagt: Das ist verrückt, ich reite seit 40 Jahren, aber ich glaube, gerade habe ich es das erste Mal überhaupt verstanden.

 

Dieses Gefühl kenne ich so gut und ist für mich der Antrieb immer mehr wahrnehmen und verstehen zu wollen.

 

Mein eigenes Reiten hat mich häufig frustriert. Ich zähle leider nicht zu den Kindern, die bevor sie laufen konnten, schon auf ihrem eigenen Pony durch die Gegend geflitzt sind.  Geboren und aufgewachsen bin ich mitten in Hamburg, da ist die Pferdedichte so gen null. Ich hatte zwar immer wieder Möglichkeiten auf einem Pferd zu sitzen, allerdings ohne große Anleitung - festhalten und los. Jede Chance bei, auf, mit Pferden zu sein habe ich genutzt. Wenn nicht in Echt, dann im Fernsehen. Bereits mit zehn habe ich jeden deutschen Springreiter an seinem Reitstil erkannt. Später habe ich unzählige Stunden an Reitplätzen und in Reithallen gehockt und zugeguckt. Alles, was ich dort z.B. bei Wolfgang Marlie, seiner damaligen Kollegin Silke Reger und in Hamburg bei Achaz von Buchwaldt gesehen und gehört habe, habe ich dann in den Ferien auf meinem Ponyhof ausprobiert. Ich habe immer mehr verstanden, immer mehr gesehen und gefühlt, wie es dem Pferd dabei ging. Zumindest bis ich selber oben drauf saß. Klar, ich bin oben geblieben und konnte auch soweit jedes Pferd dazu bringe, das zu tun, was ich mir in Etwa vorgestellt hatte, aber ich war nie so richtig zufrieden. Ich hatte immer das Gefühl ein extra System zu sein, nicht Teil eines Ganzen. Ich dachte, da muss doch noch mehr sein.

 

Also habe ich mich auf die Suche gemacht und versucht aus vielen kleinen Puzzleteilen ein Ganzes zu machen. Versucht, das was ich von unten sehen kann, auch zu fühlen. Lange war ich wirklich frustriert, wie konnte es sein, dass ich vom Boden so viel wahrnehmen und dem Pferd soviel Unterstützung bieten kann und es mir von oben einfach nicht gelingen wollte.

Irgendwann wurde mir bewusst: Ich habe nicht verstanden und gefühlt, was ich tue, sondern versucht Bilder und Ansagen umzusetzen/anzuwenden. Ich war verkrampft und angespannt. Wie in meinem Blogartikel über Stress beschrieben "Angestrengt sein, bringt angestrengte Handlungen hervor." Genau so war es.

 

Eine Schülerin von Eckart Meyners brachte damals den Stein ins Rollen. Eher zufällig war ich in ihrem Kurs gelandet, weil ich zu der Zeit das Pferd einer Reitschülerin in Urlaubsbetreuung hatte. Sie sah mich auf dem Pferd, fasste an mein Bein und sagte "Wahnsinn, bist du angespannt!" Sie machte verschiedene Übungen mit und ohne Pferd mit mir und alles tat unglaublich weh. Ich war von oben bis unten verspannt und verkrampft. Dennoch hatte ich in dieser Stunde das erstmal das Gefühl wirklich etwas gefühlt und verstanden zu haben. Ab da wollte ich mehr wissen und habe mich auf die Suche begeben.

 

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht auch heute noch gelegentlich das Gefühl habe es nie zu lernen und manchmal völlig entnervt über z.B. meine blöde linke Schulter fluche, die einfach nicht so will, wie sie soll. Aber diese Momente sind viel weniger geworden und die Freude und die Neugier unvergleichlich größer. Ich finde es so spannend zu spüren, wie das Pferd unter mir auf kleinste Signale achtet und ich ihm damit helfen kann sich besser zu bewegen. Ich habe keinen Ehrgeiz, was Turniere angeht und es gibt viele viele Menschen, die viel besser auf einem Pferd aussehen, als ich. Was mich antreibt ist die Neugier und der Wunsch nach der immer feineren Verbindung.

Das schönste Kompliment, was mir mal jemand in Bezug auf mein Reiten gemacht hat war: "Ich hatte es nicht für möglich gehalten, aber dein wunderschönes Pferd wird tatsächlich noch schöner, wenn du es reitest. Diese Leichtigkeit, mit der sie die Dinge umsetzt und diese Freude, mit der sie dir zuhört." Es fiel mir in dem Moment mal wieder schwer, das Kompliment für mich anzunehmen. Ich war gerade mal wieder unzufrieden mit mir und war mir sicher, dass Lucia ohne mich sicher schöner gewesen wäre.

Dennoch begleitet es mich bis heute, weil ich weiß, dass es solche Momente zwischen uns gibt und ich mich freue, dass diese mir recht fremde Person es damals so wahrgenommen hat.

 

Und es ist genau das, was ich mir wünsche - von meinem eigenen Reiten und  meinem Unterrichten - den Pferden Leichtigkeit und Freude zu verleihen.

Nicht obwohl wir draufsitzen, sondern weil wir draufsitzen.